Keine betriebsfremden Personen auf den Gleisen und kein Böschungsbrand – es ist eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg, die hochgehen kann, bevor sie entschärft ist. Die Bühne gehört den Experten in den Schutzanzügen, die mit Blaulicht zum Entschärfen eingetroffen sind. Erstmal sichern sie nach Vorschrift weiträumig den Fundort ab. In der Zwischenzeit stehen die S-Bahn-Passagiere an Bushaltestellen und warten auf ihre Beförderung. Als ein Bus hält, wollen alle den Fahrer sprechen. Die Leute gehen aus sich raus, sagen, was ihnen nicht passt. Der Busfahrer demonstriert Fortschritte mit den Ansagen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Er übertreibt es mit der Lautstärke. Immerhin wissen dann alle Bescheid. Im Stau auf der Autobahn entpuppt sich jemand als Lehrer. Er denkt laut über eine Exkursion mit seiner Klasse nach, in die Zentrale, wo ein Team den Verkehr im Notfall koordiniert. Manche Schüler würde das womöglich beruhigen, eine Vorstellung davon zu gewinnen, wie bemüht und kompetent die Manager dort agieren. Sein Gesprächspartner spricht sich dafür aus, dass der öffentliche Verkehr Staatsbetrieb bleibt. Beide nicken. Einer surft mit seinem Handy. Ein rotes Licht flackert bei Empfang. Die Scheiben reflektieren. Der Lehrer und sein Gesprächspartner bilden eine Minderheit, insofern sie Arbeit haben. Ein junger Mann studiert gerade nicht Statistik, sondern Marktforschung. Seine Bekannte hat lange genug im Osten gelebt. Jemand mit Mütze und Mantel verfügt seinerseits über ein regelmäßiges Einkommen. Im Stadtteil, wo jeder jeden kennt, von der Straße, dem Park oder über Bekannte, vom Hörensagen, aus Falschmeldungen und durch Mundpropaganda, spricht sich das rum. Auch wenn er die Arbeit verliert, geht das jeden was an. Irgendwohin versickert alles Geld. Die Tendenzen fließen zusammen, die Wege vereinigen sich in einem unwiderstehlichen Hauptstrom der Arbeitslosigkeit. Die Verteidigung lange gehegter Grundwerte wird überflüssig, eine alte Verkrustung, ein Panzer aufgebrochen. Etwas Altes explodiert. Entspannung hilft, eine Bombenmeditation.
Freitag, 23. Oktober 2009
Entspannung hilft
Von
Johannes Ottmar
am
23.10.09
Freitag, 9. Oktober 2009
Zephyr
Von vorne sieht er mit der ausgewachsenen Frisur besser aus, als von hinten oder der Seite, selbst wenn das als Beobachtung unwesentlich ist und niemanden interessiert. Wer braucht schon eine Frisur. Dass er die Haare hinten länger trägt: geschenkt. Ein Bart tut es auch, Augenbrauen reichen, Hemd und Hose. Ich stehe in der zweiten Reihe, unscheinbar, bei laufender Kamera. Die Fotografin taucht vor mir ab, ich bin möglichst still, während ich höre, wer hört, wie verstanden, was gesungen wird. Das Wasser, die Wellen, das Licht, von denen der Singende spricht, packt eine wilde Kraft. Ich behalte die Ruhe. Meinen ist Fühlen, will ich meinen. Auch der oder die, die nicht groß was meinen, fühlen das eine oder andere, das Andere oder das Eine. Jemand schneit aus einem Schwarzweiß-Film herein. Ich war früher dunkler, wurde heller, dann wieder dunkler. Auf der Seite der Schwächeren wachsen mir Blumen aus dem Gesicht. Amor spielt mit einem Pfeil. Ich überspringe den Tanz und halte ein Thermometer in den Himmel. Aus verschiedensten Richtungen rüttelt der Wind. Ich war sozusagen blind. Nun bin ich gewissermaßen sehend. Der Frühling kann warten, aber er kommt, und dann bläst das himmlische Kind.
Von
Johannes Ottmar
am
9.10.09
Samstag, 3. Oktober 2009
Dronte
Hörte in der Nacht ein Wesen schreien, draußen
vor dem Fenster: „Ich brauche einen Gefährten!“
heulte es, im Mondlicht stehend, verkümmertes
Gefieder, groß wie ein Meeräffchen, nur klettern
konnte es nicht. Die Flügel stummlig, Flaumläppchen.
Wackelt mit coupiertem Schwanz, kommt wieder. Jede
Nacht Gebrüll: „Ich brauche einen...“. Ist ja gut. Komm
her du Tier. Will dich ein wenig drücken und zupfen an
deiner Gänsehaut. Und überhaupt: nimm doch mich. Wir
gehen auf Reisen und schreiben uns die schönsten Briefe:
„Werter Apterygier, cher Didu, hier auf den Molukken ist's
so einsam, ohne Sie“. Und du: „Ich raste im Schatten des
Kalvarienbaums und knacke Nüsse. Ihr Dodo de Nausée“. Vier
von deiner Art als Mahlzeit für hundert Matrosen, heiliger Nazar,
mein König von der Schwaneninsel, oiseau lyre, lustig war die Jagd
auf dich und einfach. Nicht mal ein Häuflein Asche übrig. Lass uns
ein wenig schlafen. Und träumen. Es war einmal. Im blauen Ozean.
Von
Christine Marendon
am
3.10.09

