Einer kitzelt den anderen, um zu testen, ob dieser auch erreichbar ist. An das Zwerchfell unter der Lunge und dem Herzen schlagen die Wellen. Es macht Spass, wenn sich ein anderer hoch erfreut zeigt. Fraglich ist, ob er sich wirklich freut - oder ob es nur so scheint. Der Kitzelnde entscheidet, was mutwillig heraus gekitzelt wurde, er verfügt über Fingerspitzengefühl, schwingt sich zu allerhand auf. Es droht ein Übergriff. Niemand sollte auf etwas fest gekitzelt werden, wenn er ausdrücklich ablehnt, abwinkt, energisch oder zaghaft Einspruch erhebt. Es ist ein Spiel mit dem Kontrollverlust, wenn es heißt: Kitzle so, wie du selbst gekitzelt werden willst. Die Stärkeren nehmen Rücksicht auf die Schwächeren. Am Ende bleibt das Genre der Entschuldigung. Sie braucht sich an niemand Bestimmtes zu richten, Hauptsache ernst gemeint. Es kann nicht so schwer sein, zu wissen, wo der Spass aufhört.
Montag, 23. November 2009
Machtkitzel
Von
Johannes Ottmar
am
23.11.09
Donnerstag, 5. November 2009
Lingua
Vergessenes liegt auf der Zunge. Es staut sich, bis die Zunge nicht mehr trägt. Geräusche nur, die aus dem Inneren dringen. Von außen nicht sichtbar, keine Beulen und Schwellungen, keine fiebrigen Rötungen. Die Zunge hält viel und ist geduldig. Sie kann warten, bis morgen, übermorgen oder irgendwann, bis zum letzten Moment, in dem möglicherweise alles hinübergeschaufelt wird in ein Morgen, das irgendwo und irgendwann sein kann.
Es verbirgt sich in der Höhle. Es dauert und vergeht nicht. Vergessenes ist immer da. Der Mund kann halten und verbergen, er trägt, verschließt und bewahrt.
Das Herz schlägt, sein Klopfen erinnert: es ist Zeit, sie ist knapp: das Pochen auf die Zunge legen, um sie zu besänftigen, mit sanftem Druck und mit Hilfe des Atems, damit nichts verkohlt, kein schwarzer Brocken aus dieser Höhle fällt, auf den Boden, und alles wird still.
Von
Christine Marendon
am
5.11.09
Montag, 2. November 2009
Zur Silbernen Brücke
Die Gäste stochern in ihrem Schwarzwurzelgemüse. Nach allem, was sie den Tag über nachdenklich gemacht und erschöpft hat, rechnen sie sich die verbliebenen Chancen aus. Der Kellner bietet Nachschlag an. Die Schwarzwurzel wird an den Tisch gebracht. Ein Klaps auf den Hinterkopf des Kunden: im Service inbegriffen, damit die Gäste die Augen schließen und innehalten können. Nicht alles gleich persönlich nehmen. In einem Schwarzwurzel-Restaurant kommt das vor, kein Grund sauer zu sein. Die Gäste beeilen sich mit dem Essen, der Großteil der Schwarzwurzeln bleibt auf den Tellern zurück. Sie bezahlen schnell, verlassen das Lokal, suchen frische Luft, aus der Mine tretend, die sich in ihre Brust gegraben hat.
Von
Johannes Ottmar
am
2.11.09
