Montag, 20. September 2010

Wasser





James Wright: Geheimer Dank


Eugen Boissevain starb im Herbst 1949. Ich fragte mich schon bei unserer ersten
Begegnung, was mit Edna [Millay] geschehen würde, wenn er als Erster sterben würde.

Edmund Wilson



1

Sie putzte das Haus und streckte sich dann lang aus
auf der großen Treppe.

Auf einem dieser kalten weißen Flügel
den die komischen Vögel uns wie einen Hang zur See anbieten,
ein Brenneisen aus Schnee, das uns blendet,
erbarmungsloses Licht,
an einem Nachmittag im Winter.
Ganz nah bei der hellen Stelle, wo sie
mit einem gebrochenen Flügel niedergesunken war,
wurden meine drei Freunde und ich erwischt
wie wir still im Licht herumpirschten.

Fünf Lichter. Warum sollten sie unsere Augen beachten?
Fünf Rehe standen dort.
Sie blickten zurück, gut eine Minute.
Sie kannten uns, wirklich:
Vier chemische Unfälle des Schreckens, die innehalten
zwischen einem Selbstmord und dem anderen
auf dem vorbeigleitenden Flügel
eines Engels, der sich nicht mehr um unser Sein kümmert, unser Mitleid, unser Leid
als wir uns darum kümmern.

Warum nur sollte eine Schar von Engeln sich darum kümmern
eine einzelne weiße blinde Feder fallen zu lassen
an diese äußerste Grenze von etwas, das wahrscheinlich nicht mehr
als eine Blattlaus ist,
eine Blattlaus, die zu jenen Engeln zählt, deren Schwingen schwarze
Tropfen werfen, Tränen auf die geheimen Küsten
der Meere im Winkel
eines geschlossenen Dichterauges.
Warum sollten fünf Rehe
zu uns zurückblicken?
Sie schauten zu uns zurück.
Sie waren ängstlich und standen doch da,
lebendiger als wir vier, in ihrer Angst,
in ihrem Wohlsein.

Wir hatten einen Hund.
Wir hätten mehr Hunde haben können.
Zwei oder drei Hunde hätten vor- und zurückrennen und
diese Flakscheinwerfer umreißen können, deren Strahlen geheimnisvoller
als die Sterne in Los Angeles aussehen.
Wir sind Menschen.
Es befriedigt uns kein bisschen
einander zu töten.
Wir sind Schlieren der Obszönität
auf einem See, dessen einziger Friede
das Loch ist, wo der Mond
uns verlässt, dieses arme
Mädchen, das uns nicht allein lassen kann.

Wenn ich der Mond wäre, würde ich zu einem Sandkorn schrumpfen
im Augenwinkel eines Dichters
wo noch Platz ist.

Wir sind Menschen.
Wir sind zu allem fähig.
Wir hätten jedes dieser Rehe töten können.
Der wahre Mond der Liebenden zerstörte sich selbst
mit der Agonie einer verwundeten Tigerin
weit weg von uns.
Wir können alles töten.
Wir können unsere eigenen Körper töten.
Diese Rehe am Hang haben überhaupt keine Vorstellung davon,
wer zum Teufel wir sein könnten, außer Mörder.
Sie wissen das und glaube nicht,
dass sie es nicht wissen.
Das Menschenherz ist der verfaulte Dotter eines Viperneies
das sich, im Augenblick seiner Geburt, in einem Haufen Pferdedung
selbst zersetzt.
Ich habe keine Verwendung für die menschliche Kreatur.
Sie verursacht unmerklich Leid bei ihrem eigenen Geschlecht.
Ich bin als solche geboren, als misslungener chemischer Versuch.
Ich habe keinen Nutzen.


2

Aber
wir haben keine Hunde auf die Rehe gehetzt,
obwohl wir wussten,
eben so gut wie du weißt,
dass wir es hätten tun können,
weil
wer schert sich darum?


3

Boissevain, wer war er?
War er ein Mensch? Ich bezweifle das,
wegen dem, was ich weiß
über Menschen.
Wer war er, der
mit seinen nüchternen Augen
durch den Regen humpelte?

Ich denke, er muss wie die Daunen des Neuschnees herunter gefallen sein.
Ich denke, er muss in das Gras gefallen sein, ich denke, er wird
sicherlich gewachsen sein, um
ihre Flügel herum, wird umkreist haben und umkreist worden sein,
Blatt, Schnur, alles was sie nur brauchen konnte
um ihr stilles Haus der Lieder
im Geräusch des Wassers erbauen zu können.


4

Bei Gott, an diesem Punkt hätte ich sie auch geheiratet,
wenn ich die Gelegenheit gehabt und sie mich gelassen hätte.
Denk darüber nach. Lebendig sein mit einem Mädchen
das sich in einen Lorbeerbaum verwandeln kann,
wann immer sie sich wie einer fühlt.
Denk darüber nach.


5

Vor meinem Fenster, gerade in diesem Augenblick
Höre ich einen kleinen Wasserfall antiphonisch
Über die Steine meines Gedichtes plätschern.



*

A.d. Amerik. übers. v. C.M.